von Kathalina Ennenbach
Ein Fünftel aller Schülerinnen und Schüler beschreiben sich selbst als psychisch belastet. Ein Viertel gibt eine geringe Lebensqualität an, 20 % fühlen sich unwohl in der eigenen Schule und ein weiteres Fünftel aller sorgen sich um ihre Zukunft. Die Ergebnisse einer Studie der Bosch Stiftung sind allarmierend und zeigen das Versagen unseres Schulsystems.
Die Schule sollte ein Ort des Lernens, des Verstehens sein. Ein Ort zum Denken, Hinterfragen und Wachsen. Dafür benötigt es einen sicheren, komfortablen Raum, in welchem sich alle wohlfühlen. Neugierde sollte gefördert werden und Wissen nicht bloß abgefragt. Für viele Schüler*innen ist die schulische Realität allerdings eine andere. Fragt man in einer Klasse, wer gerne und freiwillig zum Unterricht erscheint, heben sich nur wenige Hände. Klausurenballung, permanenter Leistungsdruck und das Gefühl, nicht genug zu sein, geben sich über Jahre die Hand und machen das Schulwesen zu einem Ort der Kontrolle und des gegenseitigen Vergleichens.
Leistungsdruck ist schon längst kein individuelles Problem mehr, sondern ist zu einer strukturellen Gefahr geworden, die nicht länger ignoriert werden darf.
In vielen Schulen häufen sich in allen Fächern Leistungsüberprüfungen und Klausuren in kurzen Zeiträumen. Das Lernen wird dadurch zu einer Bewältigung, denn es geht nur noch darum, wie effizient man viel Stoff in kurzer Zeit auswendig lernen kann. Zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den Themen kommt es meist gar nicht. Den Wunsch zu haben, in vielen Fächern mit besonderem Erfolg zu bestehen, gleicht einer Utopie. Enttäuscht zu sein, ganz gleich vom System, den Noten oder sich selbst, wird zur Normalität und begräbt Ehrgeiz und Perspektiven unter sich und kreiert eine zukünftige Gesellschaft, die aufgrund von Überlastung immer mehr mit Mittelmäßigkeit zufrieden ist.
Unumstritten ist, dass Disziplin, Struktur und Verlässlichkeit ebenfalls essenziell für das Leben sind und erlernt werden müssen. Schule darf und soll sogar fordern. Aber die zentrale Frage lautet: Zu welchem Preis?
Welche Bedeutung hat es für eine Gesellschaft, wenn junge Menschen zwar diszipliniert, aber demotiviert aus der Schule kommen? Welche Auswirkungen hat dies auf unser Zusammenleben, unsere Wirtschaft, das Lösen internationaler Krisen und unsere Demokratie? Was passiert, wenn gebildet sein zunehmend als etwas „Nerdiges“, Fremdes oder Abgehobenes wahrgenommen wird und nicht mehr als etwas Sinnstiftendes und Gemeinsames?
Besonders problematisch ist, dass Schule meist nur kognitiv messbare Leistungen anerkennt. Noten entscheiden über Selbstwert und Zukunftsperspektiven. Ganz außer Acht gelassen werden dabei das soziale und kulturelle Engagement. Laut dem Ministerium für Familie und Jugend (BMBFSFJ) engagieren sich fast die Hälfte (49,2 %) aller Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren freiwillig in erfassten Schülervertretungen, Jugendparlamenten, Vereinen, Initiativen, politischen Projekten oder kulturellen Formaten. Jugendliche organisieren, planen, übernehmen Verantwortung, bringen gesellschaftlich wichtige Themen in die Schule und moderieren Konflikte. Dieses Engagement erfordert Zeit, Energie und Mut, zeigt aber Haltung, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität.
Doch leider gerät dieser unermessliche Beitrag zur Gesellschaft mit der Schule in Konflikt. Denn nicht nur, dass dieses Engagement nicht anerkannt wird, sondern dass Sitzungen, Veranstaltungen und Termine häufig mit Klausurterminen und -phasen kollidieren. Fehlzeiten und Freistellungen vom Unterricht stellen, vor allem in der Oberstufe, ein Problem dar. Der Spagat zwischen schulischer Leistung und dem Willen, sich in der Gesellschaft zu engagieren, zwingt junge Menschen häufig dazu, sich zurückzuziehen. Ehrenamt wird als optionale Freizeitbeschäftigung angesehen und nicht als Teil der Demokratie-Bildung.
Leistungsdruck im Schulsystem führt nicht zu verbessertem Lernen oder interessierten, engagierten, eigenständigen Schulabsolventen.
Er führt zu Angst, Anpassung und Isolation. Wer ständig unter Druck steht und übermüdet ist, kann nicht nachhaltig lernen oder sich für Themen großartig, auch außerschulisch, begeistern, sondern lernt nur für punktuelle, einseitige Kernstandsüberprüfungen.
Das aktuelle Bildungswesen entfremdet junge Menschen von Bildung und Wissbegier, anstatt sie dafür zu begeistern. Dementsprechend ist es notwendig, eine grundlegende Neubewertung dessen, was in der Schule als Leistung gilt, zu entwickeln und zu integrieren:
Dabei sind eine bessere Koordination von Klausuren, eine Neuentwicklung des Konzepts der Leistungsabfragen an sich, neue Lernformate und vor allem eine Anerkennung und interschulische Förderung von sozial-kulturellen Ehrenämtern notwendig. Bildung sollte nicht bedeuten, sich durch ein System zu kämpfen, das einen und seine eigenen Probleme und Bedürfnisse nicht sieht. Sie sollte ermutigen, stärken und Beteiligung aller ermöglichen. Bildung ist ein Privileg, das immer noch über 250 Millionen jungen Menschen gänzlich verweigert wird. Sich bilden zu können, sollte als ein kostbares Gut anerkannt und eigenständig genutzt werden. Denn Wissbegier, Lernen und Pionierdenken bringen nicht nur einen selbst, sondern auch eine Gesellschaft, ein Land und die gesamte Welt weiter.

